Warum Gier ein strategisches Risiko ist und wie Führung das Maß wiedergewinnt

Warum Gier ein strategisches Risiko ist und wie Führung das Maß wiedergewinnt

Reinhard F. Leiter, Executive Coach

Autor: Reinhard F. Leiter, Executive Coach München

Stimmungsbarometer:unverb. KI-Analyse*

In der unerbittlichen Dynamik der modernen Wirtschaftswelt hat sich ein Begriff klammheimlich von einem moralischen Stigma zu einer vermeintlichen Tugend gewandelt: die Gier. Was heute oft als „Wachstumsdrang“ oder „maximale Skalierung“ nobilitiert wird, erweist sich bei genauerer Betrachtung als die kulturell akzeptierte Form einer chronischen Maßlosigkeit. Wer Gier lediglich als psychologisches Phänomen abtut, verkennt ihre fatale Rolle als betriebswirtschaftlicher Risikofaktor. Es zeigt sich immer wieder, dass das Unvermögen, ein „Genug“ zu definieren, Unternehmen nicht etwa beflügelt, sondern sie langfristig ihrer Substanz beraubt.

Das Paradoxon der ungesättigten Dynamik

Der fundamentale Unterschied zwischen einer gesunden Ambition und destruktiver Gier liegt in der Fähigkeit zur Sättigung. Während der produktive Ehrgeiz wertegebunden bleibt und ein konkretes Ziel verfolgt, agiert die Gier strukturell unersättlich. Sie speist sich nicht aus dem Erreichten, sondern aus einem tief sitzenden Mangelgefühl. In den Führungsetagen manifestiert sich dieses Muster oft in einer permanenten Vergleichsdynamik, bei der der Selbstwert der Akteure untrennbar mit kurzfristigen Kennzahlen und Statusinsignien verschmilzt. Sobald der Zweck jedes Mittel heiligt und Menschen nur noch als instrumentelle Ressourcen für eine grenzenlose Expansion begriffen werden, verliert Führung ihre ethische Erdung.

Der kritische Umschlagpunkt der Motivation

Es muss differenziert werden: Ohne den Impuls, Möglichkeiten auszuschöpfen und Bestehendes zu verbessern, gäbe es weder Innovation noch Unternehmertum. In konstruktiver Form zeigt sich dieser Gestaltungswille als eine zukunftsorientierte Kraft, die Verantwortung für die erzielte Wirkung übernimmt. Doch es existiert ein kritischer Punkt, an dem dieser schöpferische Antrieb in eine pathologische Getriebenheit umschlägt. In diesem Zustand transformiert sich Wettbewerb zur reinen Verdrängung und die einstige Vision zur nackten Angst vor dem Stillstand. Führung geschieht dann nicht mehr aus einer inneren Klarheit heraus, sondern wird zur bloßen Reaktion auf externe Zwänge und eine obsessive Fixierung auf Tabellenwerke.

Die schleichende Erosion der Unternehmensresilienz

Die ökonomischen Folgen dieser Maßlosigkeit sind gravierend und werden oft erst dann sichtbar, wenn der Schaden bereits irreversibel ist. Eine einseitige Gewinnorientierung verzerrt die Risikowahrnehmung massiv und führt zu einer gefährlichen Selbstüberschätzung an der Spitze. Wenn die kurzfristige Optimierung das strategische Denken ersetzt, leidet zwangsläufig die nachhaltige Substanz des Unternehmens. Die Teamkohäsion zerbricht im Mahlstrom des internen Wettbewerbs, und eine gesunde Fehlerkultur wird unterdrückt, da Schwäche in einem von Gier geprägten System keinen Platz findet. Letztlich droht der totale Vertrauensverlust bei Kunden und Partnern, die sehr genau registrieren, ob ein Unternehmen Werte schafft oder lediglich Werte abschöpft.

Strukturelle Treiber der Maßeinbuße

Dabei ist Gier selten ein rein individuelles Problem. Sie wird durch systemische Faktoren massiv begünstigt. Wer über Jahre hinweg nur Erfolg kennt, entwickelt eine gefährliche Blindheit gegenüber den eigenen Grenzen. Wenn zudem Anreizsysteme den schnellen Bonus über die langfristige Wertschöpfung stellen, wird die Maßlosigkeit geradezu institutionell belohnt. Hinzu kommt die Isolation, die oft mit zunehmender Hierarchie einhergeht. Je höher die Position, desto seltener dringen kritische Stimmen durch den Filter des Umfelds. Die entscheidende strategische Frage lautet daher, ob eine Organisation einen Punkt definiert hat, ab dem ein Ergebnis als ausreichend betrachtet wird. Wo dieser Sättigungspunkt fehlt, mutiert Wachstum zur Ideologie, die das System am Ende unweigerlich destabilisiert.

Institutionelle Reflexion als Schutzmechanismus

Um diesen Fehlentwicklungen entgegenzuwirken, bedarf es einer Kultur der Selbstbegrenzung, die nicht als Verzicht, sondern als höchste Form der Souveränität begriffen wird. Führungsleistung zeigt sich in der Etablierung einer belastbaren Reflexionsarchitektur. Dazu gehören strukturierte Feedbackprozesse ebenso wie externe Sparringspartner, die bereit sind, objektive Analysen jenseits der internen Hierarchie zu liefern. Nur wenn unbewusste Vorurteile und die Tücken der eigenen Wahrnehmung objektiv bewertet werden, kann die notwendige psychologische Sicherheit im Team entstehen. Kritik darf dabei niemals als Angriff auf die Autorität missverstanden werden, sondern muss als essenzielles Frühwarnsystem fungieren.

Souveränität durch bewusste Selbstbegrenzung

Schon die klassische Literatur mahnt, dass der Besitz den Menschen besitzen kann, wenn dieser das Maß verliert. In einer volatilen Welt entsteht echte Wettbewerbsfähigkeit nicht durch maximale Expansion, sondern durch Verlässlichkeit und Sinnhaftigkeit. Wer Produkte schafft, die einen echten Unterschied machen und dem Kunden einen substanziellen Mehrwert bieten, benötigt keine aggressive Gier als Antrieb. Vertrauen ist auf Dauer ein deutlich stärkerer Wettbewerbsfaktor als jede Wachstumsstrategie, die auf dem Rücken der Moral ausgetragen wird. Exzellenz in der Führung bedeutet, das richtige Maß zu kultivieren – als strategische Notwendigkeit für eine Zukunft, die Bestand hat. Was sich nicht begrenzt, destabilisiert sich am Ende selbst.

Über Reinhard F. Leiter
Reinhard F. Leiter war von 1972 bis 1981 in den Funktionen Leiter Aus- und Weiterbildung und Personalleiter in der Bayer Group tätig. Von 1982 bis 2013 leitete er bei Allianz SE das Zentrale Bildungswesen und war Head of Executive Events. Für diese Unternehmen war er auf allen fünf Kontinenten und in über dreißig Ländern tätig.

Reinhard F. Leiter war Gründungsmitglied des „Arbeitskreises Assessment Center-Führungskräfteauswahl und Entwicklung in DACH“ und jahrelang Vorsitzender dieses Vereins.
Er ist heute certified Coach für Unternehmer und Senior Leaders.

Reinhard F. Leiter publiziert regelmäßig.

Weitere Bücher von Reinhard F. Leiter:
„Global Coaching Excellence? A holistic approach“, EDITION WINDMÜHLE im Feldhaus Verlag, ISBN 978-3-86451-060-1 gemeinsam mit Dr. Werner Krings.
Reinhard F. Leiter, „Presentation Excellence – A holistic approach“, EDITION WINDMÜHLE im Feldhaus Verlag, ISBN 978-3-86451-039-7.

Reinhard F. Leiter, „Quality Standards of Presentation Excellence“, www.reinhardfleiter.com
Professional Certificate in Coaching (PCIC) / Foundation in Coaching: Henley Business School at University of Reading GB: Certified

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Themenrelevante Wikipedia-Infos:
  • Leadership (Wikipedia)
    Der Ausdruck Führung bzw. dessen Verb führen trägt im Neuhochdeutschen die Bedeutung „leiten“, „die Richtung bestimmen“, „in Bewegung setzen“ und kommt in zahlreichen Wissenschaften vor. Speziell in den Sozialwissenschaften bezeichnet der Begriff planende, koordinierende und kontrollierende Tätigkeiten in Gruppen und Organisationen (engl. leadership).
  • nachhaltigkeit (Wikipedia)
    Nachhaltigkeit ist ein Handlungsprinzip bei der Nutzung von Ressourcen. Hierbei soll eine dauerhafte Bedürfnisbefriedigung gewährleistet werden, indem die natürliche Regenerationsfähigkeit der beteiligten Systeme bewahrt wird, vor allem von Lebewesen und Ökosystemen. Das Handlungsprinzip der Nachhaltigkeit ist ein Zielkonflikt, ein veränderlicher bestmöglicher Zustand, in dem es nicht möglich ist, die Ziel-Eigenschaft Ressourcennutzung zu verbessern, ohne zugleich die andere Eigenschaft des Ressourcen-Erhalts verschlechtern zu müssen. Im Allgemeinen wird Nachhaltigkeit heute als Form der Ressourcennutzung verstanden, die nach dem Drei-Säulen-Modell auf dem gleichzeitigen und gleichberechtigten Umsetzen von Umweltschutz, langfristigem Wirtschaften und einem fairen Miteinander beruht, damit auch zukünftige Generationen gut leben können. Im entsprechenden englischen Wort sustainable ist dieses Prinzip wörtlich erkennbar: to sustain im Sinne von „aufrechterhalten“ bzw. „erhalten“. Mit anderen Worten: Die beteiligten Systeme können ein bestimmtes Maß an Ressourcennutzung „dauerhaft aufrechterhalten“, ohne Schaden zu nehmen. Das Prinzip wurde zuerst in der Forstwirtschaft angewendet: Im Wald ist nur so viel Holz zu schlagen wie permanent nachwächst. Als in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erkannt wurde, dass alle Rohstoffe und Energievorräte auf der Welt auszugehen drohen, ging sein Gebrauch auf den Umgang mit allen Ressourcen über. In seiner ersten und älteren Bedeutung weist „nachhaltig“ als Adjektiv oder bei adverbialem Gebrauch darauf hin, dass eine Handlung längere Zeit anhaltend wirkt. Beispiel: Die (ungeregelte) Ressourcennutzung führt über längere Zeit zum Verlust der Ressourcen. Da das oben genannte Handlungsprinzip das Gegenteil, nämlich die Ressourcenerhaltung trotz Nutzung zum Ziel hat, ist darauf zu achten, dass die erste und die hinzugekommene Bedeutung zueinander nicht widerspruchsfrei sind.
  • Resilienz (Wikipedia)
    Resilienz (von lateinisch resilire „zurückspringen, abprallen“) steht für: Resilienz (Systemtheorie), Fähigkeit eines Systems zum Selbsterhalt Resilienz (Psychologie), psychische Widerstandsfähigkeit Resilienz (Soziologie), Fähigkeit von Gesellschaften, externe Störungen zu verkraften Resilienz (Ingenieurwissenschaften), Fähigkeit technischer Systeme, bei einem Teilausfall nicht vollständig zu versagen Resilienz (Ökosystem), Fähigkeit eines Ökosystems, nach einer Störung zum Ausgangszustand zurückzukehren Resilienz, systemische Widerstandsfähigkeit von Unternehmen gegenüber Störungen, siehe Resilienz-Management Resilienz (Zahnmedizin), Nachgiebigkeit der Mundschleimhaut bei Belastung Resilienz (Energiewirtschaft), Ausfallsicherheit in der Energieversorgung Resilienz (Mathematik), ein Begriff aus der Theorie der Blätterungen Resilienz (Betriebswirtschaftslehre), ein Konzept aus dem strategischen Management und Risikomanagement Siehe auch: organisatorische Resilienz (BSI-Standard) Robustheit gegen Benutzungsfehler (Resilienz technischer Systeme) Klimaresilienz (sozial-ökologische Resilienz bei Klimawandelfolgen)
  • Risikomanagement (Wikipedia)
    Das Risikomanagement übernimmt in Unternehmen das Management von Unternehmensrisiken durch deren Risikoidentifikation, Risikoanalyse, Risikoquantifizierung, Risikoaggregation, Risikobeurteilung, Risikobewertung, Risikokommunikation und abschließende Risikobewältigung.
  • Strategische Planung (Wikipedia)
    Strategische Planung steht für: Strategische Planung (Betriebswirtschaft) Strategische Planung (Account Planning)
  • Unternehmensführung (Wikipedia)
    Unternehmensführung bezeichnet in der Betriebswirtschaftslehre einerseits die von Personen ausgeübte Funktion zur Leitung eines Unternehmens (Synonym: Unternehmensleitung oder Management) und andererseits die Tätigkeit des Führens (eine Substantivierung des Verbs führen). Unternehmensführung kann institutionell, funktional und prozessual interpretiert werden. Der Begriff Führung kommt in zahlreichen Wissenschaften vor. In den Sozialwissenschaften bezeichnet dieser Begriff „planende, koordinierende und kontrollierende Tätigkeiten in Gruppen und Organisationen“ (englisch leadership). Ein wichtiger Teilbereich der Führung sind die Menschenführung und Personalführung. Der Begriff der Leitung wird teils synonym verwendet, bezieht sich aber häufiger auf die Disposition von Sachen. Führung kann man definieren als die „direkte und indirekte Verhaltensbeeinflussung zur Realisierung von Zielen,“ die sich aus übergeordneten Zielen einer Organisation, des Unternehmens und den Erwartungen der Stakeholder ableiten. Die direkte Einflussnahme erfolgt durch die persönliche Beziehung von Führungspersonen und Geführten; Strukturen wie zum Beispiel Anreiz-, Planungs- und Kennzahlensysteme können einen indirekten Einfluss auf das Verhalten ausüben. Die Unternehmensführung gehört in der Betriebswirtschaftslehre als dispositiver Faktor seit Erich Gutenberg zu den Produktionsfaktoren.
  • Unternehmenskultur (Wikipedia)
    Organisationskultur (englisch organizational culture, corporate culture) ist ein Begriff der Organisationstheorie und beschreibt die Entstehung und Entwicklung kultureller Wertmuster innerhalb von Organisationen. Teilweise werden auch die Begriffe Unternehmenskultur, Betriebskultur oder eben Verwaltungskultur verwendet. Die Organisationskultur wirkt auf alle Bereiche des Managements (Entscheidungsfindung, Führung, Beziehungen zu Kollegen, Kunden und Lieferanten, Kommunikation usw.). Jede Aktivität in einer Organisation ist auf Basis ihrer Kultur entstanden und dadurch kulturell beeinflusst. Das Selbstverständnis der Organisationskultur erlaubt es Organisationsmitgliedern, Ziele besser verwirklichen zu können. Außenstehende können durch diese Kenntnis die Organisation besser verstehen.
  • Wirtschaftsethik (Wikipedia)
    Gegenstand der Wirtschaftsethik ist die Reflexion ethischer Prinzipien im Rahmen wirtschaftlichen Handelns und ihre Anwendung auf diesen Bereich. Als zentrale Werte gelten dabei Humanität, Solidarität und Verantwortung. Die Rechtfertigung wirtschaftsethischer Normen kann sich aus den Folgen wirtschaftlichen Handelns auf andere Menschen und die Umwelt ergeben oder aus der Frage, welche Normen an sich als richtig angesehen werden können. Gängige Maßstäbe für die Rechtfertigung sind soziale Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit. Dabei ist es nicht Aufgabe der Wirtschaftsethik, Handlungsanweisungen auszuarbeiten. Ihre Funktion ist vielmehr die einer Orientierungshilfe für aktuelle Debatten durch Reflexion, Methoden und kritische Analyse. Für die Wirtschaftsethik bedarf es eines interdisziplinären Diskurses, an dem Philosophen und Ökonomen, aber auch andere Sozialwissenschaftler und Theologen beteiligt sind. Grundsätzlich gibt es dabei eine praktische Ebene, auf der konkrete Fragestellungen geklärt und praktisches Verhalten beurteilt werden, sowie eine theoretische Ebene, auf der ökonomische Theorien ethisch beurteilt werden und diskutiert wird, welcher Zusammenhang zwischen Ethik und Wirtschaft besteht und wie dieser Zusammenhang gestaltet werden kann oder sollte. Eine weitere wichtige Unterscheidung ist die zwischen Individual- und Sozial- respektive Institutionenethik, also der Verantwortung des Einzelnen gegenüber der Verantwortung von Unternehmen, Gruppen, Verbänden, der Politik oder der gesamten Gesellschaft. Wirtschaftsethik befasst sich damit, wie ökonomisch Handelnde moralische Fragen analysieren, bearbeiten und entscheiden.
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