„Deutschland hat ein Problem, mit Sitz in Berlin“
Interview geführt von Toni Poetzl
Berlin, 23. April 2026 – Es gibt Momente, in denen Höflichkeit nicht mehr weiterhilft. Momente, in denen Klartext notwendig ist. Genau so ein Moment ist jetzt. Im Rahmen des CEO Dinners in Berlin spricht Unternehmer Bernhard Schindler im Interview über die aktuelle Lage im Mittelstand – und formuliert eine der deutlichsten Analysen zur wirtschaftlichen Situation Deutschlands.
Was folgt, ist kein weichgespültes Gespräch. Es ist eine Bestandsaufnahme. Eine Einordnung. Und eine klare Forderung nach Veränderung.
Toni Poetzl: Herr Schindler, wenn Sie die aktuelle Lage des Mittelstands in einem Satz beschreiben müssten – wie lautet dieser?
Bernhard Schindler: Deutschland hat alles, um erfolgreich zu sein – und schafft es trotzdem, sich selbst auszubremsen.
Wenn man tiefer schaut, erkennt man: Die Substanz ist da. Unternehmerische Energie ist da. Ideen, Innovationskraft, Mut – alles vorhanden. Aber was fehlt, ist das, was am Ende den Unterschied macht: Umsetzung, Geschwindigkeit und Verlässlichkeit.
Viele Unternehmer stehen heute nicht mehr vor der Frage „Kann ich wachsen?“ –
sondern vor der Frage: „Lässt man mich überhaupt wachsen?“
Und das ist ein dramatischer Unterschied.
Poetzl: Was erleben Unternehmer aktuell konkret?
Schindler: Eine Dauerbelastung auf mehreren Ebenen.
Nicht nur wirtschaftlich – sondern strukturell und mental. Sie haben steigende Anforderungen, steigende Kosten, steigende Unsicherheit. Gleichzeitig haben sie Prozesse, die immer langsamer werden, Genehmigungen, die sich ziehen, und politische Signale, die widersprüchlich sind. Das führt zu einem gefährlichen Zustand:
Unternehmer verlieren nicht ihre Fähigkeit – sie verlieren ihre Geduld.
Und wenn das passiert, wird es kritisch.
Poetzl: Was sind aus Ihrer Sicht die größten strukturellen Probleme?
Schindler: Ganz klar: Bürokratie, fehlende Geschwindigkeit und politische Realitätsferne.
Wir sprechen hier nicht über kleine Optimierungen. Wir sprechen über ein System, das in vielen Bereichen nicht mehr funktioniert.
Ein Beispiel, das alles sagt: Zwei Jahre Antragsphase für einen Neubau. Zwei Jahre, bevor überhaupt etwas passiert.
Und dann schauen wir in andere Länder:
USA: Planung, Genehmigung, Bau – alles in neun Monaten. Das ist kein kleiner Unterschied. Das ist ein Wettbewerbsnachteil auf Systemebene. Und genau deshalb verlieren wir Tempo.
Poetzl: Was erwarten Sie konkret von der Politik?
Schindler: Ich erwarte keine Diskussionen mehr. Ich erwarte Entscheidungen. Und zwar sofort.
Bürokratie abbauen – nicht schrittweise, sondern konsequent: Genehmigungsprozesse drastisch verkürzen, Startup-Förderung massiv ausbauen, Unternehmer wieder arbeiten lassen. Und ein Punkt, der mir persönlich extrem wichtig ist:
Solange der Mittelstand kämpft, darf es keine Diätenerhöhungen geben.
Das ist eine Frage von Haltung. Eine Frage von Glaubwürdigkeit.
Politik muss wieder zeigen, dass sie die Realität versteht.
Poetzl: Sie sprechen auch von einem gesellschaftlichen Problem?
Schindler: Ja, und das wird oft unterschätzt.
Wir haben uns in Deutschland angewöhnt, mehr übereinander zu sprechen als miteinander. Diese sogenannte „Brandmauer“ – dieses konsequente Ausschließen von Dialog – führt nicht zu Lösungen. Es führt zu Stillstand.
Wer nicht mehr miteinander spricht, verliert die Fähigkeit, Probleme zu lösen. Und genau das passiert gerade. Wir brauchen wieder Diskurs. Reibung. Austausch. Nicht weniger.
Poetzl: Sie haben Franz Josef Strauß und Helmut Schmidt erwähnt. Warum gerade diese Persönlichkeiten?
Schindler: Weil sie für etwas stehen, das heute fehlt: klare Führung. Franz Josef Strauß hat sinngemäß gesagt:
„Visionen sind nichts wert, wenn sie nicht umgesetzt werden.“ Und Helmut Schmidt hat gezeigt, was es heißt, Verantwortung zu tragen:
Ruhig bleiben. Klar entscheiden. Verantwortung übernehmen. Nicht jeder Entscheidung ausweichen. Nicht jede Verantwortung delegieren. Heute erleben wir oft das Gegenteil:
Zu viel Taktik. Zu viel Absicherung. Zu wenig Entscheidungskraft.
Poetzl: Ihre Meinung zur aktuellen Wirtschaftsministerin?
Schindler: Ich sage es bewusst klar: Katherina Reiche ist für mich in dieser Position ein absolutes No-Go. Ich sehe hier keine wirtschaftliche Klarheit, keine Führung, keine Dynamik, die notwendig wäre, um Deutschland nach vorne zu bringen. Und genau das ist das Problem: Wir brauchen keine Verwaltung. Wir brauchen Führung.
Poetzl: Wen würden Sie sich stattdessen wünschen?
Schindler: Ilse Aigner. Weil sie genau das verkörpert, was aktuell fehlt: Erfahrung, Klarheit, Entscheidungsfähigkeit, Bodenständigkeit.
Sie steht für Substanz – nicht für Inszenierung.
Poetzl: Welche Rolle spielt die aktuelle geopolitische Lage?
Schindler: Eine große – aber nicht so, wie viele denken. Natürlich beeinflussen Krieg und Krisen die Wirtschaft.
Aber was mich mehr beschäftigt, ist die psychologische Wirkung. Zu viel Angst. Zu viel Fokus auf Probleme.
Zu wenig Fokus auf Lösungen. Wer dauerhaft im Krisenmodus lebt, verliert die Fähigkeit, nach vorne zu denken.
Und genau das dürfen wir nicht zulassen.
Poetzl: Was ist Ihre wichtigste Botschaft an Unternehmer?
Schindler: Eine, die vielleicht nicht jeder hören will – aber die notwendig ist:
Schaut wieder mehr auf euch selbst. Wir erleben aktuell etwas sehr Spannendes: Die lautesten Stimmen, die sich permanent mit anderen beschäftigen, die ständig bewerten, kritisieren, urteilen – sind oft genau die, die selbst die größten Baustellen vor der eigenen Tür haben. Das ist kein Zufall. Es ist Ablenkung.
Es ist Verlagerung von Verantwortung. Und genau das kostet Energie. Wer seine Energie auf andere richtet, verliert den Fokus auf sich selbst. Und das ist gefährlich. Das nimmt im Zuge der aktuellen wirtschaftlichen Entwicklung zu.
Poetzl: Was bedeutet das konkret?
Schindler: Es bedeutet: Weniger vergleichen. Weniger bewerten. Weniger über andere sprechen. Mehr Fokus auf sich und sein Unternehmen. Mehr Umsetzung. Mehr Verantwortung. Back to the roots.
Zurück zum eigenen Geschäft. Zurück zur eigenen Leistung. Zurück zur eigenen Verantwortung.
Poetzl: Ihr abschließendes Fazit?
Schindler: Deutschland hat kein Unternehmerproblem.
Deutschland hat ein Umsetzungsproblem. Ein Führungsproblem. Ein Strukturproblem.
Und wenn wir das nicht schnell lösen, wird aus einem Problem eine Entwicklung. Diese werden wir nicht mehr in den Griff bekommen! Und aus einer Entwicklung ein Schaden. Der schon leise eingetreten ist. Und dieser Schaden wird nicht nur wirtschaftlich sein.
Er wird strukturell sein. Und langfristig.
Wir verlieren nicht die Fähigkeit – wir verlieren die Geschwindigkeit.
Und wenn wir die verlieren, verlieren wir alles andere automatisch.
Der SCHINDLER Circle ist die Heimat für Unternehmer:innen, die echten Fortschritt wollen. Mit Bernhard als persönlichem Sparringspartner entwickelst du monatlich live und persönlich neue Brands, gehst mutige Wege in deiner Positionierung, entfaltest klare Strategien, öffnest ungeahnte Türen und bringst sogar neue Produkte konsequent auf die Straße. Dazu kommen die starken Matches der legendären Powerdays und die Fähigkeit, deine unternehmerische Helikopterperspektive zu schärfen.
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- mittelstand (Wikipedia)
Als (gewerblicher) Mittelstand werden im deutschsprachigen Raum (mit Ausnahme der Schweiz, siehe Mittelschicht) je nach gewählter Definition die Gesamtheit aller Unternehmen bezeichnet, die als kleines oder mittleres Unternehmen gelten (nicht mehr als 500 Beschäftigte und nicht mehr als 50 Mio. € Jahresumsatz), oder bei denen noch mindestens ein wirtschaftlich unabhängiges Gründungsmitglied beteiligt ist. Eine allgemein gültige und akzeptierte Definition gibt es nicht. Der Ausdruck aus der Ständegesellschaft bekam diese Hauptbedeutung erst in jüngeren Jahren. Im Duden steht er noch im Jahre 2001 für die Mittelschicht. Besonders in der Schweiz wird er weiterhin so benutzt. Mangels äquivalenter Übersetzungen hat das Wort als Lehnwort mittelstand in die englische und spanische Sprache Eingang gefunden. - Unternehmer (Wikipedia)
Unternehmer ist, wer als natürliche oder juristische Person allein oder gemeinsam mit anderen Mitunternehmern ein Unternehmen betreibt. - Unternehmertum (Wikipedia)
Der Begriff Unternehmertum (englisch entrepreneurship, von französisch entreprendre ‚unternehmen‘), auch Unternehmergeist, Gründertum, Gründerszene oder Gründerkultur, beschäftigt sich als wirtschaftswissenschaftliche Teildisziplin mit dem Gründungsgeschehen oder der Gründung von neuen Organisationen als Reaktion auf identifizierte Möglichkeiten und als Ausdruck spezifischer Gründerpersönlichkeiten, die ein persönliches Kapitalrisiko tragen. Entrepreneur war im Französischen seit dem 16. Jahrhundert eigentlich ein Begriff für einen militärischen Anführer. So wurde im 18. Jahrhundert zuerst von B. F. de Belister eine Person genannt, die Waren zum kontrahierten Preis verkauft und versucht, sie möglichst billig einzukaufen (sog. Arbitrage, also im Unterschied zu späteren Definitionen ein risikoloses Geschäft). Die klassischen Definitionen des Entrepreneurs heben seine gesamtwirtschaftliche Erneuerungsfunktion hervor. In der modernen Entrepreneurship-Literatur finden sich zahlreiche, teils breitere Definitionsansätze. Entrepreneurship ist mehr als Unternehmensgründung und effiziente Nutzung von Ressourcen. Es schließt kreative Elemente wie die systematische Identifizierung von (Markt-)Chancen, das Finden von neuen (Geschäfts-)Ideen und deren Umsetzung in Form von neuen Geschäftsmodellen ein und ist nicht zwingend mit der Eigentümerfunktion verbunden. Das heißt, Unternehmertum kann auch innerhalb bestehender Unternehmen von Nicht-Eigentümern praktiziert werden (Intrapreneurship). Der deutsche Begriff „Unternehmertum“ bezeichnet außerdem die Gesamtheit der Unternehmer eines Landes bzw. die soziale Klasse der Unternehmer (z. B. das „österreichische Unternehmertum“), wobei die Abgrenzung zum Kleinunternehmertum unscharf verläuft. Zur Kennzeichnung der Charakteristika von innovativen, persönlich risikotragenden Gründern wird heute in der deutschen Sprache meist der Entrepreneurbegriff verwendet. Hingegen wird ein Gründer ohne innovative Geschäftsideen, ohne eigene Mitarbeiter und ohne Wachstumspotenzial im Unterschied zum Entrepreneur oft als Existenzgründer bezeichnet. Als Start-Up bezeichnet man eine frühe und zeitlich begrenzte Entwicklungsphase eines innovativen … - wirtschaft (Wikipedia)
Wirtschaft oder Ökonomie ist die Gesamtheit aller Einrichtungen und Handlungen, die der planvollen Befriedigung der Bedürfnisse dienen. Zu den wirtschaftlichen Einrichtungen gehören Unternehmen, private und öffentliche Haushalte, zu den Handlungen des Wirtschaftens Herstellung, Absatz, Tausch, Konsum, Umlauf, Verteilung und Recycling/Entsorgung von Gütern. Solche Zusammenhänge bestehen zum Beispiel auf welt-, volks-, stadt-, betriebs- und hauswirtschaftlicher Ebene.